Jan Köchermann

Horu

Das Hansaviertel ist 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (Interbau) als „Die Stadt von morgen“ erbaut worden und gilt als ein Klassiker der architektonischen und städtebaulichen Moderne. Seit 1995 steht das Areal vollständig unter Denkmalschutz und konserviert damit auch diese Ideen. Architekturtourist*innen aus der ganzen Welt strömen ins Hansaviertel, um die Architektur der Moderne zu studieren und zu bestaunen. Durch Jan Köchermanns Installation Horu wird die einstige Stadt von morgen um eine Attraktion reicher und für begrenzte Zeit um ein „Alpenpanorama“ ergänzt: Das Matterhorn, auf Walliserdeutsch „Horu“ genannt, wird ab April 2020 vor der Hansabibliothek zu bewundern sein. Zwar nur acht Meter hoch und nicht über 4000 Meter über dem Meerespiegel, dafür aber mit einer Höhle. Auf diesen Berg und diese Touristenattraktion verweist und wartet bereits ein kleiner Souvenir-Shop mit Postkarten, in dem die Zeitung Die Höhle und Wanderstockmarken ausliegen. Aktuell lagert der Berg, zerlegt in seine Einzelteile noch in einem Keller, wo er als Bausatz auf seinen Auftritt wartet. Eine Überwachungskamera liefert rund um die Uhr eine Live-Übertragung des Berges in den Kiosk am Hansaplatz.

Bei der Installation Horu läuft die Zeit somit rückwärts: während ein Souvenir-Shop gewöhnlich der Sehenswürdigkeit folgt, ist er in diesem Fall zuerst zur Stelle und erst später gesellt sich die Bergspitze dazu. Ergänzt wird das Szenario noch um einen „Bergsee“ (dem Wasserbecken vor der Hansabibliothek), den „Mond“ (einer Straßenlaterne) und eine begehbare Berghöhle. Die Höhle, als Urform des Wohnens und der menschlichen Behausung, versteht sich dabei bewusst als Kontrapunkt zur Architektur der „Stadt von Morgen“. Die Zeitung Die Höhle versammelt Geschichten über Berge und Höhlen, von Anwohner*innen, Bergfreund*innen und Künstler*innen.

Mit dieser humorvollen, schon fast anarchischen Inszenierung des sonst so wohlgeordenten Außenraums am Hansaplatz, spielt Jan Köchermann mit gewohnten Seherfahrungen der Bertachter*innen und hinterfragt das, was im öffentlichen Raum „normal“ erscheint, etwa dass der öffentliche Raum zunehmend privatisiert, funktionalisiert und in Orte für Konsum und Erlebnis umgewandelt wird.