Folke Köbberling

Nachbarn auf Zeit

Der Auftakt der Arbeit Nachbarn auf Zeit ist eine Schafwanderung mit 200 Schafen von der Siegessäule bis zum Hansaplatz. Die Schafe werden im Frühjahr oder im September von dem Schäfer Knut Kucznik, einem der letzten Wanderschäfer aus Brandenburg, in den Tiergarten und von dort ins Hansaviertel geführt. Danach verbleiben zunächst fünf Schafe für einen Monat im Hansaviertel – sowie ca. 400 kg Rohwolle der geschorenen 200 Schafe. Ein umgebauter Container wird in der Nähe der Bibliothek positioniert und dient als Stall. Gleichzeitig wird er als Lager für die Rohwolle und die verarbeitete Wolle genutzt. Es haben sich bereits fünf Familien gefunden, die eine Patenschaft übernehmen und auf die Schafe aufpassen wollen: Die Schafe werden morgens auf die Wiesen geführt und abends zurück in den Stall gebracht. Der mobile 105 cm hohe Elektrozaun wird nach der Abweidung der Grünfläche auf eine neue Fläche versetzt.

Das Hansaviertel ist 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) als „Die Stadt von morgen“ erbaut worden und gilt als ein Klassiker der architektonischen und städtebaulichen Moderne. Die ursprünglichen Konzepte von Gemeinschaftsräumen und öffentlichen Grünflächen haben sich jedoch nicht eingelöst. Die Gegenwart hat die Stadt von morgen eingeholt. Das soziale Grün, das für die IBA programmatisch war, wird von der Bevölkerung kaum genutzt. Wegen seiner Nähe zum Tiergarten bietet der Hansaplatz gerade der marginalisierten Bevölkerung Halt. Der Hansaplatz ist zu einem potenziellen Konfliktort geworden und dient vorrangig als Transitraum, obwohl er wunderbare Aufenthaltsqualitäten besitzt.

Das Schaf spielt in der Geschichte der Menschheit eine bedeutende Rolle. Es ist das älteste Haustier und liefert neben Milch und Fleisch auch Wolle. Gerade in Ländern des globalen Südens stehen Schafe für Selbstversorgung, Wohlstand und Altersversorgung. In religiöser Symbolik steht das Schaf unter anderem für Frieden. Die Anwesenheit von Schafen hat eine beruhigende Wirkung auf den Menschen.

Die geschorene Rohwolle der 200 Schafe wird am Tag der Wanderung auf dem Hansaplatz vor der Bibliothek aufgetürmt. Das archaische Bild der Wolle bildet einen Gegensatz zur modernen Stadt von morgen und lädt alle Bevölkerungsgruppen dazu ein, die Wolle gemeinsam zu verarbeiten. Wolle ist ein Material, das dämmt, akustisch filtert, duftet, fettet, heilt, wärmt und auch therapeutisch eingesetzt wird. Durch das „öffentliche Arbeiten“ werden viele Anwohner*innen darüber informiert; einige haben bereits ihr Interesse bekundet. Ziel ist es, Wolldecken zu filzen. Angelehnt an die Herstellung einer Jurte ist die Verarbeitung von Filzdecken eine gemeinschaftliche Arbeit, die neben der Bibliothek stattfinden soll. Dabei ist der Prozess wichtiger als das Endprodukt. Der Verbleib der Filzdecken wird gemeinsam mit den Akteur*innen diskutiert und umgesetzt.