Christiane Dellbrügge and Ralf de Moll

KEINE TABUS*

„Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.“ Erich Honecker am 17. Dezember 1971 auf der 4. Tagung des Zentralkomitees der SED.
Das Motto KEINE TABUS* nimmt das Verhältnis von Kunst und Politik in den Blick und verspricht, Kunst aus der ideologischen Indienstnahme zu entlassen. Es ist als weißer Schriftzug auf rotem Grund Element einer zehn Meter langen Doppeltribüne. Die Arbeit verweist auf die ursprüngliche Bedeutung der Karl-Marx-Allee: Die repräsentative „erste sozialistische Straße“ war in der DDR für militaristische Aufmärsche und Paraden bestimmt, die die Politprominenz am Rand, von gewaltigen Tribünen aus abnahm. Alljährlich, am 1. Mai und am Tag der Republik, war die Straße gesäumt von weißen Parolen auf rotem Grund wie „Vorwärts zu neuen Erfolgen“ oder „Unser Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden“.
Wo vormals marschiert wurde, steht nun die Doppeltribüne parallel zur Fahrbahn auf dem neuen Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee. Dadurch entsteht ein Blickwechsel: Statt vom Straßenrand auf die Marschierenden schweift der Blick nun von der Mitte der Straße aus zu beiden Seiten in das Wohngebiet. Die Tribüne ist ein Angebot an Bewohner*innen und Flaneure, Platz zu nehmen und das Stadtbild zu betrachten. Was sie sehen, ist Ergebnis verschiedener Paradigmenwechsel: von den poststalinistischen Plattenbauten bis zum jetzigen Umbau der Karl-Marx-Allee, bei dem der grüne Mittelstreifen und die Fahrradwege den Einfluss einer ökologischen Stadtentwicklung spiegeln.
Wer die Tribüne unverhofft entdeckt, mag KEINE TABUS* auf aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Diskurse beziehen – etwa über Rassismus und Sexismus, Freiheit von Kunst und Wissenschaft oder Forschung und Lehre im Verhältnis zu gesetzlichen Beschränkungen. Darüber lässt sich auf der Tribüne diskutieren. Man kann aber auch einfach Pause machen, ein Feierabendbier trinken, auf die Verabredung zum Kino warten und sich fragen, wie die Architektur die Menschen formt, die hier leben.

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